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Scrum in der Bundeswehr, funktioniert das?

Café Scrum

Mein Name ist Kai und ich bin seit 2010 in der Bundeswehr als Zeitsoldat tätig. In meiner Verwendung als Ausbilder der allgemeinen Grundausbildung, bin ich nicht nur mit der Führung, sondern auch mit der Erziehung von Menschen vertraut, eine Funktion die für mich mit großer Verantwortung und Hingabe verbunden ist. Soldaten vor allem als Menschen und nicht nur als Nummer, wie es oft in jedem Berufszweig vorkommt, zu sehen ist mir dabei besonders wichtig. 

Momentan mache ich ein berufsorientiertes Praktikum bei ScrumCorp, um mich für ein Leben nach der Bundeswehr vorzubereiten.   

Seitdem ich mich mit dem Thema Agilität und Scrum beschäftigt habe, stelle ich mir immer wieder die Frage: ”Kann agiles Arbeiten in die Struktur der Bundeswehr, in der jedes Ziel bis ins kleinste Detail durchgeplant und definiert ist, funktionieren?” 
Um diese Frage zu beantworten, müsste erst einmal analysiert werden, in wie weit Empirie überhaupt gewollt ist. 

Wenn ich einen Kameraden fragen würde, welche Bedeutung für ihn Fehler im Dienst haben, würde er mir wahrscheinlich entgegnen: ,,Ich mache keine Fehler. Fehler kosten Leben, Fehler kann ich mir nicht erlauben.” Diese Aussage ist im Kern nicht wirklich zu widerlegen, aber entspricht sie wirklich der Wahrheit? Meine Erfahrung zeigt mir, dass gerade da wo Angst vor Fehlern besteht, jene genau da passieren. 

Ein kurzes Beispiel dazu: mein Zugführer sagt mir morgens, dass zu meiner Ausbildung am heutigen Tag die höchste Dienstaufsicht kommt, die wir derzeit vor Ort haben. An sich ist das kein Problem, da ich mich auf meine Ausbildungen mit bestem Wissen und Gewissen vorbereitet habe. Wäre da nicht noch der beiläufige Satz: ,,Vermassele es nur nicht, sonst nimmt er uns alle auseinander, du kannst dir keinen Fehler erlauben” (!). Genau hier beginnt eine Kette von Reaktionen, die zwangsläufig Fehler hervorrufen werden. 

Ich fange an mir Fragen zu stellen: ,,Bin ich wirklich gut vorbereitet? Vertraut er mir nicht? Was wenn ich alles falsch mache? Wartet die Dienstaufsicht nur darauf dass ich etwas falsch mache?” All diese Fragen ziehen mein Selbstvertrauen runter und verhindern, dass ich frei und klar meine Aufgaben erledigen und fertigstellen kann. 

Wie wäre es gewesen, hätte mein Zugführer mir stattdessen gesagt: ,,Heute kommt eine helfende Dienstaufsicht, die einfach auf unsere Erfolge der letzten Zeit zurückblickt. Mach dir keine Sorgen, ich weiß, dass du gut vorbereitet bist und vertraue dir. Sehe es als Chance, dass unsere Arbeit gewürdigt wird.” 

Wäre das der Ansatz, der uns alle selbstbewusster und motivierter macht? Kann ich durch Vertrauen und Ermutigung meine eigene Leistung steigern, auch mit dem Wissen, dass Fehler gut sind und ich an ihnen wachse? Natürlich kann ich das. 

Wie haben wir uns als Kind gefühlt, als uns gesagt wurde, wie gut wir etwas gemacht haben und das man stolz auf uns sei? Niemand kann laufen, ohne vorher mindestens 100 Mal umgefallen zu sein, aufgegeben haben wir deshalb nicht. Wir sind an dem positiven Feedback gewachsen. 

In meiner Funktion als Ausbilder, habe ich eine Gruppe von bis zu 12 Soldaten, für die ich Verantwortung und eine Vorbildfunktion habe. Am Ende steht das Ziel genau diese 12 Rekruten innerhalb von 3 Monaten die Grundzüge des Soldatenseins beizubringen. Der Weg, um dieses Ziel zu erreichen, ist in viele kleine Teilziele, ähnlich eines Sprints, geteilt. 

Nach jeder Ausbildung bewerte ich den Leistungsstand meiner Gruppe, um mir so einen Plan für die darauffolgende Ausbildung zu erstellen. Hole ich gegebenenfalls Ausbildungsinhalte nach, lasse Themen weg, was lief gut/was lief nicht so gut, was ist die Idee der Gruppe,…     

Zwar wird mir durch einen Dienstplan klar vorgegeben, was ich wie und wann auszubilden habe, jedoch kann ich innerhalb der Ausbildung flexibel auf die Stärken und Schwächen aller Soldaten eingehen und den Fokus der Ausbildung so immer wieder neu anpassen. 

Schauen wir uns im Agilen arbeiten um, bedeutet dies auf ständig wechselnde Anforderungen an ein Produkt zu reagieren. Vergleiche ich das mit meinem täglichen Dienst, ist es gar nicht so weit hergeholt zu behaupten, dass Gruppenführer, Zugführer, etc. sehr wohl agil arbeiten. 

Oft sind es einfach Sachen, die vergessen wurden. Sei es das Anfordern von Ausbildungsflächen, das Bereitstellen von Ausbildungsmaterial oder einfach ein Ausbilder, der auf Grund von Krankheit ausgefallen ist. Natürlich könnte ich jetzt die Verantwortung weiterschieben und meinem Vorgesetzten diese Probleme übergeben. Aber ist das der Selbstanspruch, den ich an mich habe? Ständig die Lösungen durch andere zu finden, ohne selbst den Mut zu haben Entscheidungen zu treffen. 

Hier berate ich mich mit meinem Team, nehme das Telefon in die Hand, bemühe mich um Lösungen und beseitige Störfaktoren, um unser Ziel zu erreichen. Erstaunlicherweise stellt man fest, dass die Gruppe daran wächst Lösungen herbeigeführt zu haben und stolz darauf ist, ein Ziel durch Eigeninitiative doch noch erreicht zu haben. So fungiere ich innerhalb dieser Strukturen selbst als Problemlöser und schaffe Möglichkeiten andere zu entlasten. 

Agiles Projektmanagement in Form von Scrum ist sicher nicht 1 zu 1 in einer Struktur wie der der Bundeswehr zu übernehmen, doch grade die Werte die Scrum lebt, sind ein wichtiger Bestandteil für einen guten Dienst und Soldaten.  

MUT 

Je mehr ich mich mit Scrum und dessen Werten beschäftige, desto häufiger fällt mir das Wort ,,Mut” auf. Wie definiere ich als Soldat Mut? Ist es nur die Bereitschaft im Ernstfall mein Leben zu riskieren? Für mich bedeutet Mut viel mehr auch schwierige Entscheidungen zutreffen dessen Ausgang gänzlich unbekannt ist. 

Ein ehemaliger Chef hat dies sehr treffend beschrieben: ,,Ich möchte Soldaten die Entscheidungen treffen, auch wenn diese zu Fehlern führen. Denn jede Entscheidung ist besser als warten bis Hindernisse sich selber aus dem Weg räumen.” So ist Mut ein ständiger Begleiter meiner Arbeit und meines Lebens. 

RESPEKT 

Wir alle wollen respektiert und gesehen werden, ob privat oder beruflich. Wo fängt Respekt an, wo hört er auf? Kann ich Respekt von anderen erwarten, wenn ich ihnen gegenüber selber keinen Respekt zeige? 

Durch militärische Ränge wird mir schon ab dem ersten Tag im Dienst vorgegeben, wen ich zu respektieren habe und von wem ich Respekt mir gegenüber zu erwarten habe. Im militärischen Alltag beginnt dies früh am Morgen, eine einfache Geste, die meine Hand zum Kopf und die Finger durchgestreckt zur Schläfe führt mit den Worten “Guten Morgen”. Diese einfache Geste führt dazu, dass man sich wahrgenommen, gesehen und respektiert fühlt.  Was zu dem Ergebnis führt, dass man sich als Teil etwas Größeren fühlt und nicht nur als Einzelkämpfer.    

Scheitert es an so einfachen Umgangsformen, wie soll ich dann als Team funktionieren? Wir wachsen als großes Ganzes, indem wir uns unterstützen und gemeinsam nach Lösungen suchen. Als Menschen sollten wir lernen alle wieder ein wenig näher aneinander zu rücken, als Distanzen und Mauern zu schaffen. 

In der Summe bedeutet dies, dass Respekt ein essentieller Bestandteil der Bundeswehr ist, jedoch muss jeder einzelne prüfen aus welcher Intention er dies gegenüber anderen verspürt. Zeige ich Respekt aus der Überzeugung heraus, dass andere Menschen wertvoll und wichtig sind oder ist es nur sein Dienstgrad, der mir Angst macht? Angst ist kein Respekt! 

Der Weg zum Ziel: 

Im Falle einer Armee ist es immer das Ziel (Produkt), alle Soldaten bzw. Zivilangestellten für einen Einsatz vorzubereiten, der Weg dahin ist vergleichbar der Sprints im Scrum, nur heißt es hier Ausbildungsabschnitte. 

Diese Ausbildungsabschnitte werden am Anfang jeder Ausbildung geplant, zeitlich eingeordnet und priorisiert, ähnlich der des Sprint-Planning. Federführend hierfür ist der Disziplinarvorgesetzte, der ,vergleichbar wie ein Produkt Owner, einen Dienstplan (Backlog) mit allen Aufgaben, Zeitvorgaben und Ausbildungszielen erstellt. 

Ich selbst sehe mich innerhalb des Teams zwar nicht als Scrum Master, aber definitiv als Ausbilder der Scrum Werte vertritt und so Hindernisse mit Hilfe von Wissen, Empathie und Zusammenarbeit im Team beseitigt. 

Viele dieser Hindernisse sind nicht zuletzt persönliche Belange, die die Arbeit beeinträchtigen. Schon kurze Gespräche, kleine Gesten oder einfach ein offenes Ohr können hier helfen, dass sich die Gruppe (Team) wieder gesehen, gebraucht und verstanden fühlt und das große Ganze vor Augen hat. 

Jeder Soldat ist auf seine Weise ein Spezialist, nur fehlt manchmal ein kleiner Dreh an der bestimmten Stelle und Schraube, damit sie ihre Fähigkeiten voll entfalten können. Diesen Dreh versuche ich mit Hilfe von Einfühlungsvermögen, Erfahrung und Aufarbeitung in Bewegung zu setzen.   

Zusammenfassend

Ist agiles Arbeiten bzw. Agiles Projektmanagement in Form von Scrum innerhalb der Bundeswehr möglich? Eine Frage die nicht mit einem klaren ja, aber auch nicht mit einem klaren nein zu beantworten ist.  

Agiles arbeiten ist wichtiger Bestandteil eines jeden Soldaten, um so auf schnelle Lageänderungen reagieren zu können. Jedoch funktioniert dies nur bis zu einem gewissen Punkt oder Ebene. 

Da wo Menschen Entscheidungen treffen, die um Leben und Tod gehen, ist eine klare Hierarchie nötig, um eben diese zu schützen. Spätestens in einem Feuergefecht, ist es unabdingbar, dass es einen klaren Führer gibt, der Automatismen jahrelangen Trainings im Kopf ablaufen lässt, Entscheidung zum wohl aller trifft und so eine erfolgreiche Mission ohne Ausfälle sicherstellt. 

Schlusswort: 

Ich bin ScrumCorp dankbar, Einblicke in die Welt der Agilität und modernem Projektmanagement zu erhalten. Vieles was ich in der kurzen Zeit jetzt schon gesehen, gehört und gelesen habe, hilft mir mein Bild von Teamarbeit weiterzuentwickeln. 

So nehme ich mir aus meiner Zeit einen Mehrwert nicht nur für mich, sondern vor allem die mir zugeteilten Soldaten mit. Denn ein guter Anführer ist nicht der, der Entscheidungen blind zu seinem eigenen Nutzen trifft, sondern in seiner Funktion der Gemeinschaft dient. 

,,Verbunden werden auch die Schwachen mächtig.”    

                                                         Friedrich von Schiller 

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